Lesetipp – Jürgen Altmann / Frank Sauer: Autonomous Weapon Systems and Strategic Stability

Bald autonom und unsichtbar? Britische Tarnkappen-Kampfdrohne Taranis von BAE Systems (Technik-Demonstrator) Bild: © Mike Young [Public Domain] - Wikimedia

Die beiden Wissenschaftler Jürgen Altmann und Frank Sauer plädieren in ihrem aktuellen Artikel über die sicherheitspolitischen Auswirkungen autonomer Waffensysteme ausdrücklich für ein präventives Verbot und warnen vor der Gefahr eines Rüstungswettlaufs. Dr. Jürgen Altmann ist Physiker und Friedensforscher an der Technischen Universität Dortmund. Dr. Frank Sauer ist Politikwissenschaftler an der Universität der Bundeswehr in München. Beide Wissenschaftler gehören dem International Committee for Robot Arms Control (ICRAC) an.

Proliferation und Wettrüsten auf der einen Seite sowie Kriseninstabilität und die Gefahr einer Eskalation auf der anderen Seite waren laut Altmann und Sauer zentrale Merkmale des Kalten Krieges, die das Ringen um Stabilität unterliefen. Lassen sich diese Destabilisierungstendenzen bereits auf die aktuelle Situation um autonome Waffensysteme anwenden?

Wie auch von uns regelmäßig berichtet wurde, ist die Forschung und Entwicklung um autonome Waffensysteme längst den Kinderschuhen entwachsen. Die Autoren nennen unter anderem die amerikanische Experimentaldrohne X-47B der Firma Northrop Grumman Corporation, die autonom auf einem Flugzeugträger landete – der Königsdisziplin unter echten Piloten, sowie die britische Tarnkappen-Kampfdrohne Taranis von BAE Systems, die vollständig autonom fliegen und angreifen soll. Zudem werden autonome Waffen immer kleiner und mit künstlicher Schwarmintelligenz ausgestattet. Im Oktober 2016 testeten die US-Streitkräfte erfolgreich einen Schwarm aus 103 Mikrodrohnen, die nur eine Länge von etwa 16 cm aufwiesen. Der Trend ist eindeutig: In Zukunft sollen Algorithmen Entscheidungen über Leben und Tod treffen und das in unvorstellbarer Geschwindigkeit. Die Entwicklung der Waffensysteme profitiert zudem durch Innovationen im zivilen Bereich, die bereits erforscht und kostengünstig in Serienproduktion hergestellt werden wie Lidar-Sensoren, mit denen autonome Fahrzeuge den Verkehr scannen – eine Technologie, die auch für autonome Waffensysteme von hoher Relevanz ist. Ganz im Gegensatz zu dem umfangreichen Prozess nukleare Waffen herzustellen, wird die Produktion von autonomen Waffensystemen vergleichsweise simpel und günstig und somit möglicherweise einer Vielzahl an (nicht-)staatlichen Akteuren zugänglich sein. Gemäß den Autoren besteht daher ein besonders hohes Risiko der Proliferation. Setzt ein Staat autonome Waffen ein, so werden andere folgen – somit ist auch ein klassischer Rüstungswettlauf denkbar.

Während des Kalten Krieges erhielten sowohl die USA sowie die Sowjetunion eine Reihe an Falschmeldungen über atomare Angriffe (z.B. indem Satelliten von Wolken reflektierte Sonnenstrahlen irrtümlich als Raketenabschüsse werteten), die durch menschliche Infragestellung und Bauchgefühl nicht in einem Gegenangriff endeten. Die Flugzeiten der Marschflugkörper und ballistischen Raketen erlaubten den Operateuren eine erneute Überprüfung der Meldungen ihrer Systeme oder der Rückgriff auf die Fernschreiberverbindung  „Heißer Draht“  zwischen Moskau und Washington. Das Ziel autonomer Waffensysteme maximale, operative Geschwindigkeit zu erreichen, bedeutet, dass der Mensch keine Teilhabe- und Entscheidungsgewalt mehr hat und als letzte Kontrollinstanz ausfällt. Die häufig hervorgehobene Überlegenheit und Schnelligkeit autonomer Waffensysteme verkehrt sich hierbei ins Gegenteil, so die Autoren. Es besteht jedoch nicht nur die Gefahr einer ungewollten Eskalation, sondern es entstehen zudem starke Anreize für eine bewusste Entscheidung eines Einsatzes autonomer Waffensysteme. Unbemannte Systeme ersetzen herkömmliche Frontsoldaten, aber sie reduzieren auch deutlich das politische Risiko eines militärischen Unterfangens. Das gilt besonders für Demokratien. Die Entscheidung für einen Angriff oder Krieg fällt noch schneller, wenn Mikrodrohnen im 3D-Drucker gedruckt werden können. Letztere, in Form eines Drohnenschwarms, werden zudem schwer abzuwehren sein. Kriseninstabilität und Eskalationsgefahr durch den Einsatz autonomer Waffen sind dabei vor allem in klassischen, symmetrischen Kriegen von Relevanz.

Wie lassen sich diese Szenarien in der Zukunft verhindern? Die beiden Wissenschaftler argumentieren klar für ein präventives Verbot autonomer Waffensysteme durch die Vereinten Nationen im Rahmen des CCW-Vertrages. Erste Ansätze zur Verifikation des Verbots gibt es bereits. Dabei geht es nicht um ein generelles Technologieverbot oder die Begrenzungen der Waffenarsenale, sondern um die Regulierung bzw. das Verbot militärischer Praktiken, insbesondere im Zusammenhang mit spezifischen Technologien und Anwendungen für militärische Zwecke – ähnlich wie im Fall des Zusatzprotokolls zu Laser-Blendwaffen. Auch hier werden nicht Laser als Technologie verboten, sondern deren militärischer Einsatz mit dem primären Zweck bei dem Gegner eine dauerhafte Blindheit zu verursachen.

Nun heißt es nur noch: aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen!

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